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  • ghochstein

Der Mann mit dem Hammer

Was hat Ihre Werkzeugkiste daheim mit der so wichtigen Fähigkeit zu tun, lösungsoffen zu denken und zu handeln? Nun, es gibt ein schönes Sprachbild, das besagt:


„Für den Mann mit dem Hammer ist jedes Problem ein Nagel“.


Der Satz regt zum Schmunzeln an, beschreibt aber pointiert eine der Denkfallen, in die wir Menschen gerne hineinlaufen, wenn wir Lösungen für bestimmte Aufgabenstellungen suchen. Anstatt vom gewünschten Ergebnis rückwärtszugehen und offen zu überlegen, welche Wege und Methoden die wirksamste und wertvollste Lösung bringen, nehmen wir das, was wir kennen und versuchen damit, irgendwie eine Lösung zu schaffen. Damit einher geht in der Regel ein deutlicher Verlust an Wirksamkeit. Das mögliche Potential der Aufgabenstellung wird nur zu einem Teil gehoben und das resultierende Ergebnis verschenkt viel vom potentiellen Wert und Nutzen.



Die wissenschaftliche Literatur nennt dieses Verhalten „Law of Instruments“. Abraham Maslow, der Gründervater der Humanistischen Psychologie, hat diesen Grundgedanken 1966 veröffentlicht; auch andere vor und nach ihm nutzten dieses Bild. Das „Law of Instrument“ wird ihm zu Ehren alternativ auch „Maslows Hammer“ genannt.


Warum nun laufen wir Menschen gerne in diese Denkfalle, in diesen cognitive bias hinein? Und warum erzeugt diese Denkfalle gerade im Kontext von Transformation und Veränderung besondere Risiken? Wir Menschen sind immer bestrebt, das, was wir können und wissen, auch anzuwenden und damit Lösungen zu schaffen. Damit bedienen wir unseren Wunsch nach Sicherheit, darüber hinaus auch nach Anerkennung und Stolz. Wir wollen helfen und wir wollen uns beweisen, vielleicht auch unersetzbar machen. Unsere Reflexe verleiten uns dazu, das Problem und die entstehenden Lösungen unserem Kompetenzspektrum anzupassen. Dabei blenden wir die Frage aus, ob unsere Kompetenz und unsere Lösungsidee objektiv betrachtet tatsächlich die beste und wertvollste ist.


In der Transformation wie auch im normalen Geschäftsalltag kommt erschwerend hinzu, dass die vielen unterschiedlichen Aufgaben mit ihren verschiedenen Perspektiven und Notwendigkeiten sehr unterschiedliche Kompetenzen und Lösungen erfordern. In der Transformation spannt sich der Bogen von einfachen Optimierungen bis hin zu disruptiven Ansätzen, die alles bislang Bekannte und Benutzte vollständig ersetzten. Disruption benötigt in weiten Teilen andere Methoden, Kompetenzen sowie Denk- und Lösungsansätze als Optimierung. Im Umkehrschluss helfen wirksame Werkzeuge für Disruptionen nur begrenzt bei Optimierungsaufgaben. Jedes Unternehmen in sich verfügt in der Regel über Kompetenzschwerpunkte für Transformationsaufgaben, jedoch selten über das gesamte Portfolio von der Optimierung bis zur Disruption in der notwendigen Meisterschaft. Versuchen Sie nun, mit der Kompetenz für das eine Handlungsfeld die Aufgabe für das andere Handlungsfeld zu lösen, wird das Ergebnis nur begrenzt wertvoll sein.




Im Businesskontext verstärkt sich dieses Phänomen um den Effekt, dass Unternehmen so weit als möglich ihre Produkte und Leistungen verkaufen möchten. Hier steht in der Regel das Geschäft selber im Zentrum der Überlegungen und nicht die Frage, ob damit das Kundenproblem wirklich am besten und vollständig gelöst wird. Die Kunst des Verkaufens besteht zu einem guten Teil darin, das Kundenproblem so umzudeuten, dass es dann auf das eigene Produkt oder die eigene Dienstleistung passt. Die ethische Frage dieser Verkaufspraxis soll hier nicht diskutiert werden. Unternehmen sind in der Regel noch stärker in der „Law of Instruments“-Logik gefangen als einzelne Menschen, da sie langsamer agieren und reagieren können oder wollen, wenn eine andere als die bislang etablierte Lösung gefordert wird.


Sie können sich und Ihr Unternehmen aber recht einfach vor möglichen negativen Wirkungen von Maslows Hammer schützen. Der wichtigste Mechanismus bedeutet schlicht und einfach, alle Themen vom Ende her, also von dem gewünschten Ergebnis her zu denken. Ist dieses genau genug beschrieben und verstanden, wird es Ihnen leichtfallen, jeden vorgeschlagenen Lösungsweg auf seinen Beitrag zum gewünschten Ergebnis hin zu bewerten. Das Ergebnis diktiert dann die Aktivitäten und benötigten Kompetenzen, nicht die vorhandenen Kompetenzen das mögliche Ergebnis. Diese Umkehr der Perspektive, immer radikal vom Ende und vom Ergebnis her gedacht, ist eine wirksame Schutzfunktion gegen das „Law of Instruments“.


Natürlich benötigen Sie dann die notwendige Konsequenz, das auch aus- und durchzuhalten. Gerade in Transformationsprozessen, in denen viel Neues und Unbekanntes auf Sie und Ihr Unternehmen einströmt, werden Sie häufig an den Punkt kommen, wo das in Ihrem Haus verfügbare Wissen eben nicht reicht oder die beste Lösung garantiert. Das ist der Moment, wo die Umkehr der Wahrnehmung von „warum kannst Du das / warum können wir das nicht?“ hin zu „wer kann uns denn hier am besten helfen“ diesen Bias aus der Welt schaffen kann. Eine Kultur- und Führungsfrage natürlich, aber einfach zu erkennen und auch einfach umzusetzen. Schon die Welt von heute, ganz sicher aber die Welt von morgen wird die Unternehmen belohnen, die das benötigte Wissen klug und smart managen, ohne zwangsläufig alles Wissen gleich selber besitzen zu müssen. Natürlich benötigen Sie in Ihrem Unternehmen einen Wissenskern, der Sie hoffentlich vom Wettbewerb abhebt und unterscheidet. Aber bei neuen Herausforderungen, bei wirklichen Transformationen zumal, ist die schnelle Verfügbarkeit und hohe Qualität der passenden Kompetenzen für die Problemlösungen erfolgskritisch.


Die Vielfalt der Aufgabenstellungen vor allen Dingen in großen Veränderungsprozessen erfordert von Ihnen die Bereitstellung von vielen verschiedenen Kompetenzen und Lösungsansätzen. Die Beschränkung nur auf das, was Sie selber können, führt zwangsläufig zu weniger Potential und Ergebnis als möglich ist. Dinge vom Ende her denken und auch konsequent organisieren ist der probate Managementansatz, um dem Bias des „Law of Instruments“ zu entgehen. Prägen Sie einfach Ihre Fähigkeiten immer weiter aus, die gewünschten Ergebnisse Ihrer Projekte und Transformationsaktivitäten genau zu beschreiben; suchen Sie darauf basierend lösungsoffen an jeder Stelle, innerhalb wie außerhalb Ihres Unternehmens, nach den notwendigen Kompetenzen und Ressourcen. Das schützt Sie vor blinden Flecken und davor, dass Maslows Hammer Ihre Wirksamkeit trifft.


Bildnachweis:

Foto: Pixabay / www.pixabay.com Urheber: Andy Gries Lizenz: Pixabay-Lizenz

Handskizze: privat


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