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  • ghochstein

Tabu

Gibt es auch in Ihrem Unternehmen Dinge, über die nicht oder nur hinter der vorgehaltenen Hand gesprochen werden darf? Latente Denk- und Redeverbote finden Sie häufig in sozialen Gruppen, so auch in Unternehmen. Die Gründe für diese Tabus sind mannigfaltig. Vornehmlich geht es um unangenehme und schwierige Sachverhalte; jedoch können auch Themen aus der Kultur und Geschichte des Unternehmens derartige Denk- und Redeverbote begründen. Tabus müssen für Transformationsprozesse überwunden werden, sie stellen ein ernstzunehmendes Hindernis für wirksame Veränderung dar.



Was genau aber ist ein Tabu? Wikipedia erklärt:

„In der Tradition der Māori und auf Tonga ist tapu (Māori) oder tabu (Tonga) etwas Unantastbares, Unverletzliches, Geheiligtes. Dinge oder Örtlichkeiten, die tapu sind, dürfen nicht berührt oder besucht werden. In manchen Fällen darf noch nicht einmal über das tapu gesprochen werden“


In der ursprünglichen Bedeutung beschreiben Tabus schützenswerte Dinge, auch positiv besetzte. Im Unternehmenskontext können dies zum Beispiel Teile des Gründungsmythos der Firma sein, auf deren Fundament sie groß und erfolgreich wurde, die aber heute der weiteren Entwicklung im Wege stehen. Weiterhin sind Glaubenssätze in Abteilungen oder Unternehmensbereichen bestens geeignet, das Infragestellen des Vergangenen und Heutigen massiv zu unterbinden. Schlussendlich liegen viele Tabus in einzelnen Personen oder Personengruppen im Unternehmen begründet. Angesehene Personen und deren Wirken in und Entscheidungen aus der Vergangenheit sind eine Quelle für Tabus. Natürlich kann auch schlicht die Ausübung aktueller Macht durch Einzelne oder Gruppen die Denk- und Redefreiheit für bestimmte Themen unterbinden.


Der allgemeine Sprachgebrauch assoziiert Tabu eher mit negativen Sachverhalten. Schlimme oder unangenehme Dinge aus der Vergangenheit oder Gegenwart, über die man schlicht nicht gerne spricht. Sei es, weil man sich ihrer schämen muss, weil sie negative Konsequenzen für die eigene Reputation bedeuten können oder weil sie gesellschaftlich geächtet sind. In jedem Fall sind wir Menschen versucht, uns von solchen Dingen fernzuhalten. Solche Sachverhalte sind jedoch damit nicht aus der Welt und verfolgen uns zumindest unterbewusst auf Dauer weiter. Natürlich finden Sie im Unternehmenskontext vergleichbare Sachverhalte und Verhaltensweisen, die dazu führen, dass darüber nicht gesprochen wird und dass derartige Dinge damit auch nicht angegangen werden.


Für Transformationsprozesse sind Tabus gleich doppelt toxisch. Wenn Sie über ein Thema nicht reden dürfen, weil es mit einem Tabu belegt ist, dann ist dort eine Handlung erst recht ausgeschlossen. Sie schließen, dogmatisch betrachtet, damit ein ganzes Spiel- und Handlungsfeld für Transformation und Veränderung. Hinter einem Tabu können sich dann alle Menschen in Ihrem Unternehmen verstecken, denn das Tabu liefert die perfekte Erklärung, mindestens Ausrede, warum an diesem speziellen Thema nicht gearbeitet wird. Tabus erzeugen damit blinde Flecken im Unternehmen. Sie verzerren oder unterbinden Wahrnehmungen für kritische Themen und unterbinden Veränderungshandeln; vor allem aber wirken sie narkotisch auf das Mindset und den Veränderungswillen und die Veränderungsfähigkeit in Unternehmen.


Trotzdem können Tabus auch hilfreich sein, immer unter der Voraussetzung, dass Sie sie beizeiten überkommen. Denn Tabus sind starke Indikatoren und Hinweise auf Themen, die einer besonderen Aufmerksamkeit und vermutlich auch einer Transformation bedürfen. Nun sollten Sie alleine darum nicht auf besonders viele Tabus in Ihrem Unternehmen hoffen, denn mit einer guten Analyse und Beobachtung kommen Sie Ihren Transformationsnotwendigkeiten genau so gut auf die Spur. Wenn Sie aber schon Tabus finden oder in Ihrem Unternehmen vermuten, dann nutzen Sie sie einfach als Wegzeiger. Was für die Sachthemen, die mit Tabus belegt sind, gilt, stimmt ebenso für den Einfluss auf die Unternehmenskultur und das Mindset. Tabus schränken immer ein und reduzieren Handlungs- und Denkfreiheit. Sie leisten damit einen Beitrag zu Lethargie, Lähmung und Beharrungsvermögen in Unternehmen und stehen dem förderlichen Mindset für Weiterentwicklung und Innovation damit diametral entgegen. Jedes überkommene Tabu wirkt umgekehrt besonders stark auf einen förderlichen Mindset für Transformation und Veränderung.


Wie erkennen Sie nun Tabus? In der einfachsten Variante durch ein „Basta“ von jemandem, der die Macht dazu hat und mit einer solchen vermeintlich finalen Ansage das Thema endgültig vom Tisch nehmen möchte. Das wird aber eher selten der Fall sein. Wir Menschen verfügen über ein gutes Gespür dafür, ob unsere Gegenüber und Gesprächspartner mit uns über ein Thema reden möchten oder nicht. Dieser Seismograph in uns ist sicher das wichtigste Werkzeug, um Tabus auf die Spur zu kommen. Und finden Sie irgendwo in Ihrem Umfeld einen starken und vehement vertretenen Glaubenssatz, dann ist oft ein Tabu nicht mehr weit. Jedes „das geht nicht“, „das haben wir schon immer so gemacht“ und alle Sprachverwandten solcher Aussagen liefern Ihnen einen starken Hinweis auf ein dahinter liegendes Tabu.


Was können Sie nun gegen Tabus unternehmen und wie können Sie diese überkommen? Das ist in der Tat eine Frage der inneren Haltung, der inneren Stärke und des inneren Status, Tabus bewusst wahrzunehmen und anzusprechen und sie auch proaktiv zu bearbeiten. Das beste Mittel gegen ein Tabu liegt darin, es an das Licht der Öffentlichkeit und in die Wahrnehmung zu bringen und darüber zu reden. In vielen Fällen sind Tabus emotionale Konstrukte, deren Ursprung und Gegenstand bislang noch nicht rational und faktisch hinterfragt und analysiert wurde. Wenn Sie bereit sind, bei der Suche nach und Beseitigung von Tabus gelegentlich durch unruhige See zu fahren, ist die Entemotionalisierung und rationale Analyse und Betrachtung von Tabus Ihr wirksamster Ansatz.


Finden sich in Ihrem Unternehmen Tabus zu relevanten Themen und Handlungsfeldern, werden Sie sich um diese Tabus kümmern müssen, denn sie verhindern oder hemmen stark Veränderungswillen und Transformationsfähigkeit. Jedoch geben Ihnen Tabus auch Hinweise auf Themen, die vermutlich einen besonderen Transformationsbedarf aufweisen. Tabus sind selten rational begründet oder rational zu begründen, sondern eher emotionale Konstrukte, womit die Arbeit an Tabus auch eine hohe emotionale Resilienz erfordert. Sie als Führungskräfte tragen in jedem Fall die Verantwortung, Tabus in Ihrem Unternehmen zu überkommen und zu lösen. Der Wert gelöster Tabus dürfte aber besonders groß sein und Sie für die entsprechende Führungsleistung dann mehr als belohnen.


Bildnachweis:

Quelle: Pixabay / www.pixaby.com Urheber: philm1310 Lizenz: Pixabay-Lizenz

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